Historischer Mühlenverein Burgberg e.V.

Der Historische Mühlenverein Burgberg e. V. hat sich die Sicherung, Sanierung und Aktivierung des Kulturdenkmals Alte Mahlmühle von 1344 zur Hauptaugabe gemacht.

 

 

Max Hummel

Eine Frau setzt sich durch:
Professorin Dr. Maria Gräfin von Linden 

Gräfin Maria wurde am 18. Juli 1869 auf Schloss Burgberg geboren und verbrachte hier ihre Kinder- und Jugendzeit. Sie war ein heiteres Mädchen und liebte den Umgang mit ihren Katzen. Von Puppen hielt sie nicht viel. Schon früh sammelte sie Versteinerungen und beobachtete mit Vorliebe allerlei Kleingetier. Mit den Kindern des Dorfes, mit denen sie gerne spielte, fühlte sie sich mehr verbunden als mit ihresgleichen. Sie wäre wohl lieber ein Bub gewesen, denn sie gab sich betont männlich und wurde eine leidenschaftliche Reiterin. Dies alles hinderte die Eltern nicht, ihr eine standesgemäße Erziehung zukommen zu lassen. Zunächst besuchte sie die dörfliche Schule und verbrachte dann einige Jahre im Großherzoglichen Viktoria-Pensionat in Karlsruhe. Vorzügliche Lehrkräfte förderten dort ihre außer­gewöhnliche Begabung. Hier erwachte in ihr der Wunsch, zu studieren.

In ihrem Großonkel, dem württembergischen Staatsminister Freiherr Josef von Linden, fand die junge Gräfin einen Vertrauten und Helfer.
Dieser erreichte auch für die schon 22jährige am 28. Juni 1891 die Zulas­sung zur Reifeprüfung am Stuttgarter Realgymnasium. Dies erregte großes Aufsehen, denn damals passte es noch gar nicht in die Zeit, dass eine Frau ein Studium aufnehmen wollte.

Oberstudienrat Dillmann, ein Lehrer des besagten Gymnasiums, soll damals entsetzt ausgerufen haben:
„Eine Gräfin, ein Fräulein Maria von Linden, will die Abiturientenprüfung machen! Das ist noch nie da gewesen und wird voraussichtlich auch nicht so bald wiederkehren!" Er sollte nicht recht behalten, denn schon im Jahre 1899 wurde in Stuttgart ein Mädchen­gymnasium eröffnet, Das Fräulein Maria bestand ihre Prüfung, nachdem sie schon vorher mit einer wissenschaftlichen Untersuchung über „die Industrienkalke der Hürbe" hervorgetreten war. Zunächst verbrachte die Gräfin einige Zeit im Hause des Heidenheimer Oberamtmanns Filser, den sie als liebenswürdige und kluge Persön­lichkeit schätzte. Dieser hatte sich große Verdienste um die Landwirtschaft erworben und war mit dem Vater und dem Bruder der Gräfin der Meinung, sie solle Landwirtschaft studieren, damit sie später das Gut in Burgberg bewirt­schaften könne. Jedoch Maria sah ihre Lebensaufgabe darin, sich der Wissenschaft zu widmen, „wozu auch einzelne weibliche Individuen berufen und von dieser Aufgabe nicht ausgeschlossen sind", wie sie sich selbst ausdrückte. Die Bestimmung des Weibes in der breiten Masse sei es ganz gewiss, die Menschheit fortzu­pflanzen. Jedoch gebe es für weibliche wie männliche Personen auch eine höhere Pflicht und Berufung. Mit solcher Begründung machte sie ihre Lebensaufgabe klar. Sie dachte nicht im geringsten an eine (standesgemäße) Heirat.

Ende Oktober 1892 erhielt Gräfin Maria ihre Zulassung an der Universität Tübingen. Damit war sie die erste und für lange Zeit die einzige Tübinger Studentin der Mathematik und Naturwissen­schaften. Später trat sie auch in die medizinische Fakultät ein und durfte bei Professor Theodor Eimer in seinem zoologischen Laboratorium arbeiten. Am 5. August 1895 promovierte sie nach bestandener Prüfung zum „Doctor rerum naturalium". Das Thema ihrer Disser­tation lautete:
„Die Entwicklung der Skulptur und der Zeichnung bei den Gehäuse­schnecken des Meeres." Die Arbeit wurde ein Jahr später in Leipzig gedruckt.

Im Jahr 1899 - nach dem Tod ihres Professors - erhielt die Gräfin Maria an der Universität Bonn eine Assisten­tenstelle und wurde dort 1910 vom preußischen Kultusminister zur Titular-professorin ernannt. Diesen Titel hatte sie als erste deutsche Frau inne. Sie durfte jedoch nur forschen, aber nicht lehren, denn letzteres war damals noch keiner Frau erlaubt. Ihre Abhandlungen erschienen in zahlreichen wissenschaftlichen Zeitschriften. Sie befasste sich mit dem Parasitismus im Tierreich (1895), machte Experimentalforschungen zur „Chemotherapie der Tuberkulose" (1920) und beschäftigte sich mit der Bekämpfung verschiedener Krankheiten bei Mensch und Tier.

Von 1926 an stand die Professorin in Verbindung mit der Paul-Hartmann AG in Mergelstetten. Ihr Bestreben war, einer heimatlichen Firma die Auswertung ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit zu übertragen. Nach den von ihr entwickelten Verfahren hat der Betrieb Patente angemeldet und genehmigt bekommen. Ein jähes Ende ihrer Universitäts­laufbahn setzte das Jahr 1933. Da sie den Nationalsozialisten nicht genehm war, wurde ihr die Professur entzogen.

Die Beziehung zu ihrer Heimat hat die Professorin nie aufgegeben. „Die Gräfin ist auch wieder da", konnte man in Burgberg oft sagen hören, wenn diese in der Ferienzeit gesichtet wurde. Ältere Leute erinnern sich noch sehr wohl an sie, wie sie leicht zu erkennen war an ihrem dunklen Hut mit großem Rand, wenn sie die sonntägliche Messe besuchte und in der Grafenloge im Chorraum der früheren Kirche Platz genommen hatte. Auch lud sie einst die Dorfkinder einmal im Jahr auf das Schloss zu Kakao und Gebäck ein.
Damit setzte sie eine Tradition fort, die schon ihre Vorfahren gepflegt hatten. Im Jahre 1926 wurde Gräfin Maria von Linden Haupterbin des Schlossgutes, nachdem ihr Vetter Edmund Graf von Linden als letzter männlicher Vertreter der Burgberger Linie verstorben war. Die Professorin machte ihr Erbrecht geltend, musste jedoch hohe Prozesskosten und eine Abfindungssumme an Verwandte aufbringen. Sie sah sich deshalb schweren Herzens gezwungen, das Gut samt Schloss zu veräußern.

Das rund 400 Morgen zählende Gut wurde 1936 von Friedrich Wemmer erworben und ist nach mehrmaligem Verkauf heute im Besitz der Familie Badmann.

Gräfin Maria von Linden, Enkelin des ersten Grafen (Edmund) von Linden und letzte Vertreterin der Burgberger gräflichen Linie, zog sich in ihre neue Wahlheimat Schaan bei Vaduz im selbständigen Fürstentum Liechtenstein zurück, wo sie eine Villa besaß. Dort starb sie - 67jährig - an einer Lungenentzündung und wurde auch in diesem Ort beerdigt.

Quellen und Literatur:
Sonderdruck aus „Tribus" (Veröffentlichungen des Lindenmuseums Nr. 24, Nov. 1975)
Pfarrchronik und Chronik der Schulschwestern in Burgberg
Verschiedene Adels- und Wappenbücher in der slädt. Archivbücherei Ulm
Bericht von Gabriele von Koenig-Warthausen:
„Die erste Studentin in Tübingen"

 

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Max Hummel

Die Grafen von Linden

Vor 150 Jahren, im Jahr 1838, verkaufte der Fürst von Oettingen-Wallerstein sein Schloss Burgberg mit dem gesamten Besitztum an den Freiherrn Edmund von Linden. Damit war ein adeliges Geschlecht im heutigen Stadtgebiet aufgezogen, das sehr wohl der ausführlichen Würdigung wert ist.

Die Freiherrn von Linden kommen aus dem niederländischen Adel, Als erster Vertreter dieses Geschlechts ist ein Domherr zu Lüttich und Erzdekan der Ardennen im Jahre 1587 bezeugt. Ein Peter von Linden war der erste, der um 1650 aus den Niederlanden nach Deutschland kam. Seine Nachkommen gehörten im Kanton Neckar-Schwarzwald zur Reichsritterschaft, Johann Heinrich von Linden (+ 1796, Urenkel des oben genannten Peter von Linden) erlangte den Reichs-Freiherrnstand, welcher seinem Sohn 1808 von Württemberg bestätigt wurde.
Das Geschlecht hatte neben Burgberg auch Besitz in den Oberämtern Horb, Oberndorf, Sulz und Laupheim.
Als Wappenzeichen führten die Linden seit frühester Zeit ein Kreuz.

Edmund Heinrich von Linden, geboren 11. 1. 1798 in Wetziar, war Rittmeister im dritten Reiterregiment in Ulm und beendete später seine militä­rische Laufbahn als Königlich Württembergischer Generalmajor, Im Jahre 1844 wurde ihm durch päpstliche Verfügung vom 29.3. der Grafentitel verliehen („comes romanus"). 
Die Königlich-Württember­gische Genehmigung zur Führung dieses Titels erhielt er am 8. 6. 1846.

Am 13. 1. 1823 hatte Edmund von Linden eine Ulmerin, Clementine Schad von Mittelbiberach, geheiratet, die jedoch schon ein Jahr später starb. Zwei Jahre danach vermählte er sich mit der Freyin Wilhelmine Fuchs von Bimbach und Dornheim. Diese gebar ihm 5 Söhne.
Dieser Edmund von Linden, der das Schlossgut Burgberg 1838 erwarb, ist der Begründer der Burgberger Linie der Grafen von Linden.
Wie der ehemalige Schlossdiener Anton Heidler erzählte, habe Freiherr Edmund von Linden den vormals bewaldeten Stettberg vollkommen kahl schlagen lassen.
Aus dem Erlös habe er den Kaufpreis für das Schlossgut mitbestreiten können.

Im Jahre 1843 löste die neue Gutsherrschaft das Wohnrecht des jeweiligen Geistlichen im Schloss ab. Um sich von jeder Bauschuldigkeit freisprechen zu lassen (Erlass vom 27. 2. 1844), zahlte der Schlossherr, der zugleich das Patronat über die selbständig gewordene Pfarrei (1822) innehatte, weitere 500 Gulden. Nun konnte im Jahre 1844 ein neues Pfarrhaus am Stettberg errichtet werden, unweit des Schul- und Rathauses, das schon 1839 erstellt worden war. Schließlich wurde 1852/53 nicht ohne Zutun des Patronatsherrn in unmittelbarer Nähe o. a. Gebäudes eine Kirche In Backsteingotik erbaut, die allerdings 1963 einem Neubau weichen musste. 

Im Jahre 1846 setzte Graf Edmund von Linden das Schloss Burgberg gründlich instand, welches stark „zerfallen" war: Aus dieser Zeit stammt auch das „Allianzwappen" (v. Linden und Fuchs-Bimbach) über dem Schlossportal.

Seit 1849 bildete das Schloss Burgberg eine eigene Teilgemeinde und wurde erst 1927 mit der bürger­lichen Gemeinde vereinigt. 

Graf Edmund von Linden starb am 28. 3. 1865 auf Schloss Burgberg und wurde als erster im „Lindenhain" auf dem Friedhof des Ortes beigesetzt. Da er im Militärdienst war, ist sein Grabkreuz mit Schild und Schwert behangen.

 

Karl Graf von Linden
Gründer des Lindenmuseums

Graf Karl von Linden, Dr. phil. h. c., einer der fünf Söhne des Grafen Edmund, hat sich im Lande Württemberg bleibende Verdienste erworben: Nach ihm ist das Linden­museum benannt, eine reichhaltige völkerkundliche Sammlung in Stuttgart.

Graf Karl Heinrich von Linden ist am 28. Mai 1838 in Ulm geboren, in dem Jahr, in welchem sein Vater das Gut Burgberg erwarb. Auf diesem Schloss wuchs er heran und absolvierte das Gymnasium in Ulm. Anschließend studierte er in Tübingen Rechtswis­senschaft und Volkswirtschaft. Graf Karl trat in den württember­gischen Staatsdienst ein und wurde schließlich Hofmarschall und Oberkammerherr des württember­gischen Königs.

Am 8. Mai 1877 vermählte er sich mit Marie Beck, der bürgerlichen Tochter des Gutsbesitzers Eduard Beck. Marie war am 26. 6. 1847 in New-York geboren.



Graf Karl war bei den Bewohnern von Burgberg ein hochgeachteter und beliebter Schlossherr. Seine Freige­bigkeit zeigte sich darin, dass er schon zu Lebzeiten der Gemeinde testamen­tarisch 30 000 Mark vermachte. Anlässlich seines 70. Geburtstages ließ er den Armen des Dorfes 10 000 Mark testamentarisch verschreiben. Während der Sommeraufenthalte der Herrschaft wurden auf Schloss Burgberg Kinderteste abgehalten. Großes Vertrauen der gräflichen Familie genoss Lehrer Kaspar Fischer, welcher sich als Gutsverwalter sehr verdient gemacht hat. Dieser tätigte mehrere Grundstückskäufe für das herrschaftliche Gut, die vom damaligen Schultheiß Danzer beurkundet wurden. Da Fischer auch die Abgaben an die Herrschaft einzuziehen hatte und viele Bewohner denselben Namen trugen, habe er mehrere Hausnamenerfunden, die heute noch im Gebrauch sind. Später war die Landwirtschaft des Schlossgutes verpachtet.

Noch nicht ganz 50 Jahre alt war Graf Karl von Linden, als er 1886 in Pension ging. Schon ein Jahr zuvor war er dem Württembergischen Verein für Handelsgeographie (gegründet 1882) beigetreten. 1887 wurde er Ausschussmitglied und schließlich (1889) zum Vorsitzenden gewählt. Bis zu seinem Tod am 15. Januar 1910 führte er den Verein. Er verstand es hervorragend, bewährte Mitarbeiter mit wichtigen Aufgaben zu betrauen und gewann zahlreiche neue Mitglieder und Freunde. So hatte sich 6 Jahre nach seinem Amtsantritt die Zahl der Mitglieder verdreifacht. Der Graf hat während seiner 21jährigen Amtszeit als Vorsitzender 492 Vorträge mit 327 verschiedenen Rednern organisiert, und es gab wohl keinen bedeutenden Wissenschaftler der Erd- und Völkerkunde der damaligen Zeit, der nicht auch in Stuttgart gesprochen hätte. Das gastliche Haus des Grafen war damals einer der Mittelpunkte des geistigen Lebens der Landes­hauptstadt. Auch das Königshaus selbst zählte sich zu den Besuchern und Förderern der Veranstaltungen.

Die entscheidende Leistung des Ver­eins unter der Leitung des Grafen war der Aufbau des Museums für Völker- und Länderkunde, das am 28. Mai 1911 am Hegelplatz in Anwesenheit des Königs eröffnet wurde und als „Lindenmuseum" Weltruf erlangt hat, Mit Leidenschaft und Umsicht, nicht zuletzt mit Sach- und Fachwissen sammelte der Graf. Immer wieder schrieb er Briefe an Landeskinder in den Kolonien und in aller Welt, an Kaufleute, Seefahrer, Verwaltungs­beamte, Soldaten und Missionare und bat sie, für sein Museum Sammlungen zur Verfügung zu stellen, Bis zu seinem Tod zählte man rund 63000 Objekte. Die Losung des großen Eiferers war, „alles mögliche vor der Invasion der Weißen in allen Erdteilen zu retten und zu bergen, ehe es vernichtet ist Infolge der Überschwemmung durch die weiße Rasse", „ehe alle schöpferische Eigenart der Völker durch Überfremdung verloren geht".

Einiges von seinem verfügbaren Vermögen hat Graf von Linden in sein Werk investiert. Dabei zeigte er viel Mut, Fachkenntnis und Fleiß. Seine Gemahlin, Gräfin Marie von Linden, unterstützte ihn immer und überall. Er starb wenige Tage nach der Grundsteinlegung, am 15. Januar 1910. Die Eröffnung des Museums am 28. Mai 1911 in Anwesenheit König Wilhelms II., die Krönung seines Lebenswerkes, konnte der leutselige, liebenswürdige, stets freundliche und in allen Schichten der Bevölkerung geschätzte Graf nicht mehr erleben. Schlicht und einfach sind die Grabin­schriften am Sockel des Marmor­kreuzes auf dem Friedhof in Burgberg:

„Karl Graf von Linden geboren 28. Mai 1838 gestorben 15. Januar 1910"
„Die treue Gattin Marie Gräfin von Linden geborene Beck 26. Juni 1847
gestorben 17. Oktober 1914 Rest at last Betet für uns"

Am 15. Oktober 1973 ging das Lindenmuseum in die Obhut und Verantwortung des Landes Baden-Württemberg über.

Die mehr als 120 000 Einzelstücke zählende Sammlung, die in sechs Ab­teilungen auf 4 200 Quadratmetern in reizvoller Darstellung ausgebreitet ist, bedeutet für den Besucher eine Expedition durch die Menschheitsgeschichte von der Steinzeit bis zur städtischen Zivilisation. Sie ist zugleich eine interessante Weltreise durch alle Kontinente.

 

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Jenisch

Um das Jahr 1728 wurden durch das fürstliche Haus Öttingen-Wallerstein Kolonisten gegen den Willen der damaligen Bevölkerung angesiedelt, die dann auf ein paar Quadratmetern ein kleines Wohnhäuschen bauen durften. Neben menschenfreundlichen Regungen dürfte wohl auch eine Rolle gespielt haben, daß jeder Einwohner auch ein Abgabenzahler war. Auf der nur 364 ha großen Markungsfläche war Landwirtschaft für die nun vorhandene Bevölkerung nicht in ausreichendem Masse zu betreiben. Zur Sicherung des Lebensunterhalts blieb diesen Kolonisten meist nur die Möglichkeit sich den Freikünsten zu verdingen. Als Freikunst wurde die Fertigung und Instandhaltung nicht handwerksgebundener Gegenstände bezeichnet. Die so gefertigten Gegenstände, Körbe, Bürsten, Rechen, usw, wurden dann im Hausierhandel verkauft. Bei diesen Hausierern war die jenische Sprache angesiedelt.

Heute ist Jenisch in Burgberg nicht mehr zu hören. Die Wenigen, die noch "kundig" sind, behalten ihr Wissen für sich. 

Wir versuchen, das restliche Wissen zu erhalten und das Burgberger Jenisch in einem Wörterbuch zu sammeln. Wobei ein geschriebenes Wort den nasalen Klang des schwäbisch eingefärbten Jenisch auch in der Lautsprache nie wiedergeben kann.

Informativ und lesenswert: http://de.wikipedia.org/wiki/Jenische_Sprache.

Die in letzter Zeit stattfindenden Forschungen über das Jenische in Burgberg sind grundsätzlich zu begrüsssen. Vergessen werden darf aber nicht, dass die Jenischen mit der Obrigkeit meistens schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ein Forscher, der das Jenische in Burgberg ergründen will muss sensibel vorgehen. Ein Fremder, oder jemand der jahrzehntelang den Kontakt zu Burgberg scheute, muss damit rechnen, dass er von den Knitzen auf den Holzweg geführt wird. Schade wäre es auf alle Fälle, wenn um der Forschung willen zu viel Phantasie in die Forschung einfliesen würde, wenn Worte oder Ereignisse erfunden würden. 

Ein kompetenter Kreis unseres Vereins stellt Ereignisse und Tatsachen fest, erarbeitet ein umfassendes Sammelsurium an authentische Begebenheiten und erforscht die Sondersprache gründlich.

 Unter Jahresplan finden Sie die Termine an denen unsere Jenisch-Kurse stattfinden.

 

Kalte Füße? Im Winter auf der Ostalb keine Seltenheit! Doch es gibt ein sehr gutes Mittel dagegen - besonders unsere Mitbürger aus Burgberg können uns spontan eines empfehlen:

Endsocken

Diese aus Filz-Enden kunstvoll über einen Leisten geflochtenen Hausschuhe, die innen mit Abfallschurwolle gefüttert werden und mit Baumwollstoff ausgekleidet, auf eine dicke Filzsohle aufgeklebt sind, wärmen alle kalten Füße und haben zudem durch ihre Farbenvielfalt ein gefälliges Aussehen.

Doch, wie kam der Endschuh nach Burgberg?

Es war im Jahr 1875, als der Musiker Franz Josef Heidler, der Trompeter und später Chorleiter bei den Dragonern in Ulm war, eine Bauerstochter aus Waldmössing bei Oberdorf im Schwarzwald heiratete. Die junge Frau -Sophie Rot - war in einem Ulmer Hotel Köchin gewesen. Die beiden siedelten nach Burgberg.

Da Franz Heidler als Trompeter bei Hochzeiten in der Umgebung spielte, wurde Sophie Heidler mit Persönlichkeiten der damaligen Zeit bekannt, unter anderem mit Frau Joos, der Schwester des Filzfabrikanten Kommerzienrat Hähnle aus Giengen und mit Margarete Sfeiff.

Durch Frau Joos wurden ihr Filzreste geliefert und sie lernte somit aus Abfällen brauchbare Dinge anzufertigen.

Sophie Heidler war mit Flechtarbeiten vertraut durch das in ihrer Heimat verbreitete Anfertigen von Strohhüten.

So begann sie aus den selbst zugeschnittenen Filzstreifen auf Schusterleisten einfache und brauchbare Schuhe zu flechten. Dieses neue Handwerk entwickelte sich weiter. Somit war der Endschuh geboren.

Ein Segen für das Örtchen Burgberg. Denn in keinem Ort des Kreises war die Not größer, da die Gemarkung des Ortes klein und kärglich war und so nur wenigen Bewohnern eine landwirtschaftliche Nutzung erlaubte. Die meisten Bewohner schufen sich daher andere Verdienstmöglichkeiten, um für ihre Familien sorgen zu können. Sie mussten sich als Tagelöhner verdingen oder auf Wanderschaft gehen - oder sie schufteten als Heimarbeiter.

Bereits im 18, Jahrhundert gab es einen Gewerbelehrer, der den Einwohnern das Korbmachen lehrte. Andere fertigten Rechen, Bürsten, Siebe und/oder Besen. Die Frauen strickten Kleidungsstücke. Alles das verkauften die Bewohner oder tauschten es gegen Lebensmittel ein.

Und nun gab es ein neues Produkt - so würde man heute sagen -, das in Handarbeit hergestellt werden konnte, und das es nur in Burgberg gab

den Endschuh.

Denn Jene Sophie Heidler verkaufte ihre Endschuhe an die Firma Stadtmüller in Giengen und gab sie Hausierern zum Verkauf mit. Nach und nach lehrte sie vielen anderen ihrer Burgberger Nachbarn die Herstellung Jener Endschuhe. Sie selbst stellte den Burgbergern das Material und die Arbeitsmittel zur Verfügung und nahm als Gegenleistung die fertigen Schuhe in Empfang. Zudem erhielten die Arbeiter Brot und andere Lebensmittel aus Sophies Krämerladen in der Hinteren Gasse zum Tausch - oder auch gegen Geld. 

Um das Jahr 1900 zahlte Sophie Heidler für ein Paar Endschuhe in normaler Erwachsenengröße zehn Pfennig, das war damals der Preis für einen halben Liter Bier. Bis zu einer Mark am Tag konnte ein fleißiger Heimarbeiter bei der Fertigstellung von acht bis zehn Paar Endschuhen am Tag verdienen. Ein Arbeiter in der Filzfabrik verdiente damals 1,25 Mark am Tag.

Sicher war die Bezahlung ein Hungerlohn, da ja die ganze Familie mitarbeiten musste, um eine ausreichende Menge an Schuhen zu flechten, aber es war in jenen schweren Zeiten eine weitere Möglichkeit, um den Lebensunterhalt der Familie zusammenzutragen.

Ein neues Problem für den Verkauf der Endschuhe an der Haustür findet sich in den Gemeinderatsprotokollen der Gemeinde Burgberg aus dem Jahr 1926:

Bei der Sitzung am 22. Mai 1926 beschloss der Gemeinderat, beim Bezirksrat für den Oberamtsbezirk Heidenheim gemäß § 66 der Gewerbeordnung den Antrag zu stellen, die in Burgberg gefertigten Korbwaren und Endschuhe zu Gegenständen des Wochenmarktes zu erklären,

Warum wurde dieser Antrag gestellt? Sollten die Endschuhe zu Gegenständen des Wochenmarktes erklärt werden, dann war es möglich, diese im Umkreis von 15 Kilometern des Wohnortes des Herstellers ohne Wandergewerbeschein zu verkaufen.

Da die finanziellen Mittel der Bewohner sehr spärlich waren, hafte das Einlösen eines Wandergewerbescheines ein neues Loch in ihr bescheidenes Einkommen geschnitten.

Bis dahin war das Hausieren im Umkreis von 15 Kilometern des Wohnortes ohne Wandergewerbeschein von den Polizeibeamten anerkannt worden, da diese die Korbwaren und Endschuhe als selbst verfertigte Waren im Sinne des § 66 der Gewerbeordnung anerkannten 

Die Bewohner waren daher auch davon ausgegangen.

Jetzt sollte diese Auffassung offiziell und amtlich besiegelt werden, um den Burgbergern auch zukünftig dieses Recht zu sichern. Dieser Einsatz war notwendig geworden, da es zu einer Strafverfügung gegen einen Korbmacher gekommen war, der ohne Wandergewerbeschein seine Ware verkauft hatte - wie bis dahin üblich.

Doch der Bezirksrat für den Oberamtsbezirk Heidenheim lehnte den Antrag mit folgender Begründung ab:

§ 59 der Gewerbeordnung sagte aus, dass ein Wandergewerbeschein nicht notwendig gewesen wäre, wenn im Umkreis von 15 Kilometern des eigenen Wohnortes selbst verfertigte Waren angeboten worden wären, die Gegenstände des Wochenmarktes gewesen wären.

Diese Gegenstände des Wochenmarkfes wurden dann in der Gewerbeordnung beschrieben: u. a. Waren, die in Nebenbeschäftigung der Landleute der Gegend oder durch Tagelöhner hergestellt wurden.

Als „Landleute" laut der Gewerbeordnung wurde die Landwirtschaft treibende Bevölkerung betitelt, Hierzu zählten die Bewohner Burgbergs nicht. Zudem setzte das Herstellen der Waren eine gewisse Ausbildung und Übung voraus, sodass keine Tagelöhnerarbeit vorlag.

Ein zweiter Punkt betraf die so genannte „Ortsgewohnheit", das heißt das ortsübliche, traditionelle Herstellen der Waren. Diese stellte der Gemeinderat in seinem Antrag wie folgt dar: „Die Anfertigung von Korbwaren (...) und von Endschuhen wird in Burgberg seit alters beinahe in jedem Hause als Nebenbeschäftigung betrieben" und weiter „bildet diese Beschäftigung für viele Einwohner einen nicht unwesentlichen Nebenverdienst".

Diese Ortsgewohnheit der Herstellung von Korbwaren und Endschuhen erkannte der Bezirksrat zwar an - es musste hier jedoch die Ortsgewohnheit in Verbindung mit dem Bedürfnis nach der Ware geprüft werden.

Bei der Frage des Bedürfnisses galt jedoch nur das Interesse der Bewohner des Absatzgebietes. Heute würde man sagen, dass es von vornherein zu klären war, ob es auch einen Absatzmarkt für die Produkte gäbe.

Dieses Bedürfnis nach der Erweiterung der Wochenmarktgegenstände erkannte der Bezirksrat nicht an: Auf dem Heidenheimer Wochenmarkt waren weder Korbwaren noch Endschuhe feilgeboten worden und daher auch nicht gängig. Kurz gesagt, nach Ansicht des Bezirksrates bestand kein Absatzmarkt für die Waren.

Bei der Gemeinderatssitzung in Burgberg vom 13. August 1926 wurde der Beschluss gefasst, Beschwerde gegen den Beschluss des Bezirksrates bei der Ministeialabteilung für Bezirks-und Körperschaftsverwaltung zu führen. Gleichzeitig wurde die Bitte an die Behörde gerichtet, den Beschluss aufzuheben und die Korbwaren und Endschuhe zu Gegenständen des Wochenmarktes zu erklären.

Das württembergische Arbeits- und Ernährungsministerium nahm in einemSchreiben vom 11. Oktober 1926 Stellung zu dem Beschluss des Gemeinderates.

Die Beschwerde gegen den Bescheid des Bezirksrates wurde als unbegründet abgewiesen.

Zudem konnte der Bitte nach Aufhebung des Bescheides nicht nachgekommen werden, da die zuständige Verwaltungsbehörde der Bezirksrat Heidenheim war, der auf Antrag der Gemeindebehörde befugt war, zu bestimmen, welche Gegenstände zu den Wochenmarktartikeln gehören. Die Gemeindebehörde, die den Antrag stellte, musste jedoch eine Gemeinde sein, in der Wochenmärkte stattfanden. Das war in Burgberg nicht der Fall. Daher hatte Burgberg kein Antragsrecht.

Somit beschloss der Burgberger Gemeinderat in seiner Sitzung vom 23. Oktober 1926, die Einwohnerschaft durch ortsübliche Bekanntmachung auf das Erfordernis eines Wandergewerbescheins hinzuweisen.

Vom 20. Oktober 1926 bis zum 11. November 1926 hing die „Bekanntmachung" aus.

Hiernach musste jeder, der selbst verfertigte Waren auch im Umkreis von 15 Kilometern seines Wohnortes von Haus zu Haus anbietet, im Besitz eines Wandergewerbescheins und Straßensteuerheftes sein.

Heute sind es nur noch wenige Frauen, die die Kunst des Endschuhmachens verstehen.

Zu ihnen gehörte Frau Luitgard Schwenk (verst.). Sie selbst hat das Endschuhflechten von ihrer Großmutter gelernt. Schon als Kind begleitete sie ihre Großmutter zu Fuß bis nach Offingen zur dortigen Filzfabrik. Mit dem Leiterwagen holten sie hier Filzreste ab. Von den Bediensteten gab es dann immer etwas Gutes zu trinken. Während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit war es so gut wie unmöglich, Filzreste zu bekommen. Denn die Filzfabriken, sowohl in Giengen als auch in Offingen, litten selbst unter der Rohstoffknappheit war die Abgabe von Filzabfällen die Offinger Filzfabrik frühestens ab April /Mai 1946 offiziell möglich.

Frau Schwenk erzählte nicht nur über die mit dem Herstellen von Endschuhen 
verbundenen Erlebnisse, sondern ließ auch einen Blick über ihre Schulter werfen 
und erklärte, wie mit geschickten und geübten Fingern und mit viel Geduld ein 
Endschuh entsteht:

 

Es beginnt mit dem Schneiden der Filzreste zu Streifen. Diese Streifen werden 
dann auf Schusterleisten aufgezogen. Dabei sollten ca. 30 Zetel (= Streifen) in 
unterschiedlichen Farben aufgezetelt werden. So wird der „Enddepper" schön 
hoch und schließt den ganzen Fuß warm ein.

Nun beginnt das Flechten bis zur Nase, das heißt von vorne (ab Zehenspitzen) 
bis zur Öffnung. Der vordere Teil und der Fersenteil sind besonders verstärk

Ab der Öffnung wird jetzt rechts- und linksdrehend bis zur Ferse geflochten.

Nach Beendigung des Flechtens werden die Nägel, um die zu Beginn die 
„aufgezetelten" Streifen gelegt worden sind, aus der Leiste gezogen. 
Nun wird noch der Keil aus der Leiste entfernt und der Schuh von der Leiste 
gestülpt.

Jetzt muss noch der Futterstoff zugeschnitten und die Futterwolle (von Schafen) 
eingelegt werden. Das Futter wird über die Wolle gelegt und durchgehend 
festgenäht - von der Nase bis zum Einschlupf.

Der Schuh wird umgedreht auf rechts. Die Sohle wird aus festem Filz 
zugeschnitten und mit umweltfreundlichem Leim aufgeklebt. 

Die Arbeitszeit für eine geübte Endschuhmacherin beträgt für ein Paar etwa 
vier bis fünf Stunden. 

Die Beschreibung des Arbeitsganges soll keine genaue Anleitung zum Flechten 
eines Endschuhes sein - was im Grunde nur durch Zeigen, Nachmachen, Zeigen 
und Üben zu erlernen ist -, sondern sie soll vielmehr verdeutlichen, welche 
Arbeit und Fingerfertigkeit zur Herstellung eines „Bilwasen" benötigt wird.

Selbst in Stuttgart auf der CMT-Messe war die Stadt Giengen 1998 durch 
einen Stand mit Burgberger Endschuhen vertreten. Frau Schwenk bot hier 
sowohl die fertigen Produkte an als auch eine Vorführung der Herstellung.

 

Quellen

Stadtarchiv Giengen: 
Bestand B, Nr. 1233 und 1243